In meiner Masterarbeit habe ich mich mit den Folgen der Massenvergewaltigungen am Ende des Zweiten Weltkriegs in der DDR beschäftigt und dafür den Christiane-Rajwesky-Preis erhalten. Der Christiane Rajewsky-Preis richtet sich an jüngere WissenschaftlerInnen, die einen herausragenden Beitrag zur Friedens- und Konfliktforschung geleistet haben. Bei der Preisverleihung hatte ich die Möglichkeit, die wichtigsten Erkenntnisse meiner Arbeit zu teilen.
Wie würdest Du die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammenfassen?
Die drei wichtigsten Erkenntnisse meiner Analysen sind zum einen, dass konfliktbezogene sexuelle Gewalt bei fehlender institutioneller Unterstützung politische Beteiligung innerhalb der überlebenden Gemeinschaften reduziert und zum anderen, dass soziale Unterstützung ohne institutionelle Unterstützung ausbleibt. Das ist besonders problematisch, denn soziale Unterstützung ist dringend notwendig, um das traumatische Erlebnis der konfliktbezogenen Gewalt zu verarbeiten.
Darüber hinaus sind die Auswirkungen konfliktbezogener sexueller Gewalt unglaublich langanhaltend. Selbst 45 Jahre nach dem Ereignis waren betroffene Gemeinschaften weniger zufrieden mit der Regierung und beteiligen sich weniger an Wahlen. 70 Jahre nach der Viktimisierung weisen Orte, an denen damals konfliktbezogene sexuelle Gewalt stattgefunden hat, immer noch eine geringere Gesamtdichte an Vereinen auf als nicht viktimisierte Orte.
Wo siehst Du die besondere gesellschaftliche oder wissenschaftliche Relevanz der Arbeit?
Bedauerlicherweise hat das Thema konfliktbedingter sexueller Gewalt seit dem Zweiten Weltkrieg nicht an Relevanz verloren. Daher zielt meine Arbeit nicht nur darauf ab, die Auswirkungen des Schweigens aufzuzeigen, sondern auch darauf unseren Umgang mit Überlebenden von sexualisierter Gewalt auch weiterhin zu verbessern.
Ein Nebeneffekt, der durch die Unterstützung von Überlebenden sexueller Gewalt durch zentrale Behörden entsteht, ist, dass diese dadurch anerkennen, dass sexuelle Gewalt stattgefunden hat. Indem Behörden das anerkennen, helfen sie, soziale Unterstützung zu generieren. Ich sehe institutionelle Unterstützung daher als Katalysator für soziale Unterstützung, welche dringend notwendig ist, um die Erlebnisse zu verarbeiten.
Meine Arbeit legt nahe, dass institutionelle Unterstützung von Überlebenden konfliktbezogener sexueller Gewalt eine langfristige Perspektive erfordert. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass es zwar wichtig ist, während eines Konflikts die notwendige Infrastruktur zu schaffen, damit Überlebende sofort die notwendige medizinische, psychosoziale, rechtliche und wirtschaftliche Unterstützung oder physischen Schutz erhalten, dass diese Programme aber dringend eine langfristige Perspektive beinhalten müssen.
Institutionelle Unterstützung für Überlebende konfliktbezogener sexueller Gewalt beinhaltet eine glaubwürdige Untersuchung und strafrechtliche Verfolgung von Fällen konfliktbezogener sexueller Gewalt. Darüber hinaus müssen neue und alte Regierungsbeamte durch Fürsprache und Dialog mit Konfliktparteien, nationalen Behörden und der Zivilgesellschaft das Bewusstsein für konfliktbezogene sexuelle Gewalt schärfen und verurteilen.
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