Schwierigkeitslevel: BA-level | Datenerhebung ★☆☆☆☆ | Datenanalyse ★★★☆☆
Nationalmannschaften haben oft nur sehr wenig Zeit für gemeinsames Training. Daraus ergibt sich eine zentrale Frage für die Kaderzusammenstellung bei großen Turnieren: Ist es sinnvoller, Spielerinnen zu nominieren, die bereits im Verein zusammen spielen und daher besser aufeinander eingespielt sind, oder ist es vorteilhafter, ein diverses Team mit Spielerinnen aus verschiedenen Vereinen zusammenzustellen, um von einer größeren Vielfalt an Erfahrungen und Kompetenzen zu profitieren?
Vereinskohäsion und Diversität
Einerseits können Mannschaften mit einer hohen Vereinskohäsion, d.h. Spielerinnen, die es gewohnt sind, miteinander zu spielen, womöglich schneller auf taktische Anpassungen reagieren und besser miteinander kommunizieren. Durch eine hohe Vereinskohäsion können eventuell mehr Tore erzielt werden, weil Spielerinnen, die gut miteinander eingespielt sind, in verschiedenen Spielsituationen effektiver agieren können. Eine Mannschaft mit hoher Vereinskohäsion kann ebenso auf eine bereits aufgebaute Vertrauensbasis zurückgreifen und daher in Stresssituationen potentiell ruhiger und effizienter agieren. Insgesamt könnte eine höhere Vereinskohäsion daher zu einer stabileren und koordinierteren Leistung während des Turniers führen, was sich wiederum positiv auf die Turnierleistung auswirken sollte.
Andererseits kann eine geringe Vereinsdiversität den Teamgeist der Nationalmannschaft schwächen und die Integration neuer oder externer Spielerinnen erschweren. Teams, in denen Spielerinnen aus verschiedenen Vereinen unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen einbringen, können kreativere Lösungen und innovative Strategien entwickeln. Eine diverse Mannschaft kann daher dynamischer und schwerer ausrechenbar sein – ein Vorteil, der insbesondere bei großen Turnieren entscheidend sein kann.
Welche Strategie – Vereinskohäsion oder Vereinsdiversität – ist bei internationalen Turnieren erfolgversprechender? Diese Frage lässt sich am Fall der deutschen Fußballnationalmannschaft untersuchen. Die deutsche Fußballnationalmannschaft kann sowohl erfolgreich als auch erfolglos an großen Turnieren teilnehmen, wie die Weltmeistertitel 2003 und 2007 sowie das WM Vorrundenaus 2023 zeigen. Darüber hinaus weist die Mannschaft über die Jahre hinweg eine hohe Varianz in Bezug auf die Vereinskohäsion und Diversität auf, was es ermöglicht, die Auswirkungen unterschiedlicher Kohäsionsniveaus auf das Abschneiden der Mannschaft zu untersuchen.
Abbildung 1 zeigt, welche Vereine bei den Weltmeisterschaften die meisten Spielerinnen für die deutsche Nationalmannschaft gestellt haben. Im Laufe der Zeit hat die Vereinszusammensetzung des WM Kaders stark verändert. Bei den ersten beiden Weltmeisterschaften wurden maximal 3 Spielerinnen vom gleichen Verein nominiert (TSV Siegen). Ab der 3. Weltmeisterschaft wurden ca. 50% der Spielerinnen von insgesamt 4 Vereinen gestellt. Zuletzt wurden bei der WM 2023 neun Spielerinnen vom VfL Wolfsburg nominiert und nur 23% Prozent des Kaders kamen nicht von den 4 größten Vereinen.

Insgesamt folgt die Vereinskohäsion allerdings keinem klaren Trend. Abbildung 2 zeigt den durchschnittlichen Anteil von Spielerinnen desselben Vereins im WM Kader. Zunächst wird für jede Spielerin die Anzahl der Spielerinnen aus dem gleichen Verein durch die Gesamtzahl der Spielerinnen des Kaders dividiert. Nachdem dieser Anteil für jede Spielerin berechnet wurde, wird der Durchschnitt dieser Anteile über alle Spielerinnen der Mannschaft gebildet. Das Ergebnis ist eine einzige Zahl, die den durchschnittlichen Grad der Vereinskohäsion (in Bezug auf die Vereinszugehörigkeit) der Mannschaft darstellt.

Das Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften als Funktion der Vereinskohäsion
Mit Hilfe von Probit- und Logit-Regressionen kann der Einfluss der Vereinskohäsion auf das Abschneiden einer Spielerin mit der deutschen Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften systematisch untersucht werden. Eine höhere Vereinskohäsion bedeutet, dass eine Spielerin mehr Mitspielerinnen aus ihrem Verein im Kader hat, während ein niedrigerer Wert auf eine größere Vereinsdiversität hinweist. Zusätzlich berücksichtigt werden die Kaderstärke sowie die historische Leistung, operationalisiert durch die Anzahl der erzielten Tore und das Abschneiden in der vorherigen WM.
| Abschneiden | ||
| Ordered | Ordered | |
| Probit | Logistic | |
| Vereinskohäsion | -2.577*** | -4.759*** |
| (0.012) | (0.009) | |
| Turniert-1 | -0.048*** | -0.073*** |
| (0.0001) | (0.0001) | |
| 5 Tore | 1.276*** | 2.031*** |
| (0.007) | (0.013) | |
| 6 Tore | 0.882*** | 1.461*** |
| (0.004) | (0.009) | |
| 7 Tore | 0.582*** | 1.021*** |
| (0.008) | (0.009) | |
| Anzahl der Beobachtungen | 164 | 164 |
| Note: *p<0.05; **p<0.01; ***p<0.001 | ||
Tabelle 1 zeigt, dass eine Spielerin eine schlechtere Platzierung bei Weltmeisterschaften erreicht, wenn mehr Spielerinnen aus den gleichen Vereinen in der deutschen Nationalmannschaft spielen. Dies könnte darauf hindeuten, dass eine zu starke Vereinskohäsion innerhalb der Mannschaft zu einer geringeren Flexibilität und einer schlechteren Teamdynamik führt, was sich negativ auf das Abschneiden im Wettbewerb auswirkt. Die Resultate der Analyse sind robust, auch wenn die WM 2023 von der Analyse ausgeschlossen wird. Das bedeutet, dass das Vorrundenaus keine maßgebliche Auswirkung auf die Ergebnisse hat.
Darüber hinaus zeigt die Analyse, dass ein besseres Abschneiden im letzten Turnier negativ mit dem Abschneiden im nächsten Turnier korreliert. Dies könnte ein Hinweis auf den so genannten “Follow-up-Effekt” sein, bei dem die hohe Erwartungshaltung nach einem erfolgreichen Turnier zu einem erhöhten Stress oder Druck führen kann, der sich negativ auf die Leistung auswirkt. Das einzige konsistente Merkmal, das zu einer besseren Platzierung führt, ist die Anzahl der Tore: Je mehr Tore erzielt werden, desto besser ist die Platzierung der Mannschaft im Turnier.
| Tore | ||
| (1) | (2) | |
| Vereinskohäsion | 0.222 | 0.545 |
| (0.845) | (0.924) | |
| Einsätze | 0.593*** | 0.695*** |
| (0.078) | (0.113) | |
| Gelbe Karten | -0.537 | -0.525 |
| (0.350) | (0.394) | |
| Constant | -2.676*** | -2.657*** |
| (0.480) | (0.640) | |
| Tunier fixed effects | no | yes |
| Anzahl der Beobachtungen | 165 | 165 |
| Log Likelihood | -167.973 | -161.258 |
| Note: *p<0.05; **p<0.01; ***p<0.001; Zero-Inflated Poisson Modelle | ||
Des Weiteren zeigt Tabelle 2, dass die Vereinskohäsion keinen Einfluss auf die Anzahl der Tore hat, die eine Spielerin bei einer WM erzielt. Das heißt, auch wenn die Spielerinnen auf Vereinsebene gut harmonieren und gut aufeinander abgestimmt spielen können, bedeutet dies nicht, dass sich diese Dynamik automatisch auf die Nationalmannschaft überträgt, wenn sie dort zusammen spielen.
Insgesamt zeigen die Analysen, dass es für eine erfolgreiche Teilnahme an internationalen Turnieren vorteilhafter ist, ein breit aufgestelltes Team mit Spielerinnen aus verschiedenen Vereinen zusammenzustellen.
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